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Zwischen hoher Verantwortung und schrägen Schwestern

Dahlener Pflegedienstleiterin blickt auf 25 Jahre in der Sozialstation zurück

DAHLEN. Vom Ofen anheizen und Wäscheservice hin zur verlässlichen ambulanten Pflege: Ines Kahle aus Dahlen hat in ihrem Heimatort die AWO-Sozialstation mit aufgebaut und mit ihr viele Höhen und Tiefen durchgemacht. In diesem Jahr feiert die Pflegedienstleiterin, wie auch der AWO Kreisverband Mulde-Collm e.V., ihr 25. Jubiläum. Ein Blick zurück lässt nicht nur sie schmunzeln und staunen.

Ines Kahle mit Seniorin Brigitte Hoffmann

„Vieles hat sich verändert seit 1993 als ich begann. Kurz nach der Wende hat man ja neue Aufgaben gesucht. Viele Menschen verloren ihre Arbeit. In der Pflege sahen wir eine Chance“, erinnert sich Ines Kahle. Sie kam frisch von der Schule, war motiviert etwas zu verändern. „Wir haben damals viel mehr handschriftlich geschrieben, jeder Handgriff musste in Texten dokumentiert werden. Die Zettel haben wir mit Schreibmaschine abgetippt. Viele Ordner sammelten sich in den Räumen.“ Mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 kamen immer mehr Bestimmungen und Regelungen hinzu.

Damals begannen die engagierten AWO-Mitarbeiter*innen im Eckhaus in der Bahnhofstraße Ecke Lindenstraße. Eine Zahnarztpraxis befand sich mit im Haus. „Große dunkle Räume waren da, mit knarrenden Dielen. Heute haben wir schöne neue helle Räume“, schwärmt Frau Kahle. Damals seien sie meist mit dem Fahrrad oder dem Privatauto zu den Patienten gefahren. Zwei ältere VW Polos standen ihnen zur Verfügung. „Darauf waren wir stolz. Die anderen Stationen hatten meist Trabis bekommen“, sagt sie heute. Gleich morgens 6 Uhr hätten die Mitarbeiter*innen erst einmal eine „Heizrunde“ drehen müssen. „Einige zu Pflegende hatten keine Heizung. Wir holten Kohle in die Wohnungen und feuerten, damit wir warmes Wasser und eine warme Stube hatten. Wenn wir wiederkehrten, wurde der Ofen zugedreht und mit der eigentlichen Pflege begonnen“, erinnert sie sich.

Zivildienstleistende waren dabei und bei vielen anderen Aufgaben eine große Hilfe. Sie fuhren tanken und das Essen auf Rädern zu den Patienten, nahmen Reparaturen vor oder schleppten Einkäufe. „Ich erinnere mich wie heute an einen Zivi aus Leipzig Grünau“, sagt sie und lacht. „Er hatte noch nie einen Ofen beheizt, aber das wusste ich nicht. Also sollte er bei einem Patienten schon Feuer machen, damit ich dann mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte. Als ich wieder kam, hatte er den halben Ofen auseinander genommen und das Zimmer war mit Rauchschwaden durchzogen und kalt.“

Einige alte Häuser hatten noch Plumpsklos auf dem Hof. „Wir hatten kaum Pflegebetten für bettlägerige Patienten und mussten oft improvisieren. So nutzten wir auch gleich mal Stollenbretter, damit die Patienten nachts nicht aus dem Bett fielen“, erinnert sich Ines Kahle.

Mit dem Umzug ins Ambulatorium war die AWO Sozialstation Nachbar von Ärzten, Polizei und Rettungsdienst. Viele neue Kollegen kamen hinzu und wurden angelernt. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Berufen, waren Verkäuferinnen, Näherinnen oder Gemeindeschwestern. Für viele jener Quereinsteiger wurde die neue Aufgabe zum Traumjob. Zur pflegerischen und medizinischen Versorgung gehörten Einkaufen, Wäscheservice, Essen auf Rädern, aber auch Patientenausflüge mit Bus, Bahn und Dampfer. Unvergessliche Stunden und lustige Geschichten sind aus der Zeit hängengeblieben. Eine Sammlung aus alten Sprüchen und Versen ist entstanden. „Ich habe jeden Spruch aufgeschrieben und wenn es auf einer Filtertüte war. Sonst ginge uns alles verloren“, sagt Frau Kahle.  

Bevor die Sozialstation 2016 in das damalige Schlecker-Gebäude in der Bahnhofstraße zog, arbeiteten die Mitarbeitenden in der ehemaligen Kita in der Max-Hupfer-Straße in Dahlen. Dort begann das Team auch eine Tagespflege einzurichten. Zuvor mietete man sich zweimal in der Woche im AWO-Seniorenzentrum ein. Auch heute ist die Einrichtung ein wichtiger Partner. „Etwa 80 Essen werden dort derzeit für unsere Patienten gekocht“, sagt Kahle dankbar. Das sei eine große Aufgabe. Neben der wunderbaren Zusammenarbeit mit anderen AWO-Einrichtungen und dem Ortsverein, kann sich Ines Kahle auf tolle Partner, darunter Apotheken und Sanitätshäuser, Ärzte, Autohäuser und viele mehr verlassen. Stolz ist die Sozialstation beispielsweise darauf, Trikots für eine Kindermannschaft von „Wacker Dahlen“ gesponsert zu haben.

„Wir bemühen uns stets, junge Menschen für unseren Beruf zu gewinnen.“ Er sei wichtig, erfahre allerdings in der Gesellschaft noch nicht die Würdigung, die er verdiene. „Alle Mitarbeitenden sind allein unterwegs und tragen eine hohe Verantwortung. Bei Wind und Wetter, an Wochenenden und Feiertagen fahren sie raus. Im Winter sind wir oft die ersten auf der Straße, noch vor dem Schneepflug. Ich selbst habe schon am Neujahrsmorgen in einer Schneewehe gesteckt“, sagt sie. Dennoch verlieren die Mitarbeiter*innen nicht die gute Laune.

Es wird viel gelacht und miteinander unternommen, beispielsweise Ausflüge oder mal eine Dienstberatung spontan im Café. „Ich finde es gut, wenn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einfach mal raus kommen und kurz entspannen können“, sagt die PDL.

Die fast 40 Mitarbeiter*innen der AWO Sozialstation versorgen nicht nur Menschen in Dahlen. Auch in den umliegenden Dörfern zählen viele Menschen auf deren Hilfe. Täglich werden zwölf Gäste in der Tagespflege empfangen und liebevoll betreut. Erst kürzlich lud das Sozialzentrum zum alljährlichen Sommerfest. Die Gäste waren begeistert. Die Pflegeschwestern sind verkleidet in einem Sketch aufgetreten und haben mit ihrem Programm für Lacher gesorgt.

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