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Von Feuerrunden und Hochwassergefahr

Die ehemalige Leiterin der Sozialstation Colditz blickt auf fast drei Jahrzehnte Arbeit zurück

Birgit Bendereit und Gerlinde Schneider. Foto: AWO KV Mulde-Collm e.V.

Sie kann es nicht lassen. Auch im Ruhestand ist die ehemalige Leiterin
Birgit Bendereit für die AWO-Sozialstation in Colditz eine große Stütze. „Ich
habe zwei Enkel. Ich wüsste die Zeit, schon anders zu verbringen. Aber ich hab das Helfersyndrom. Mir hat meine Arbeit immer Spaß gemacht. Ich will nicht zuhause sitzen.“ Die Arbeiterwohlfahrt freut sich über so viel Engagement. Auch in seinem 25. Jahr kann der Kreisverband Mulde-Collm auf seine treuen Mitarbeiter bauen.
Als im November 1990 die Arbeiterwohlfahrt neue Standorte in Sachsen suchte, war man auch beeindruckt von der Gesundheitseinrichtung Krankenhaus in Colditz. „Ich war damals Gesundheitsfürsorgerin in der Poliklinik. Diese schloss ihre Pforten und ich suchte einen Job“, erinnert sich Frau Bendereit. Viele Menschen wurden zu jener Zeit arbeitslos. Es brach eine schwere Zeit für die Stadt und die umliegenden Dörfer an. Einige Gemeindeschwestern fanden in der Pflege neue Perspektiven. Das AWO-Team der ersten Stunde wuchs auf zehn Mitarbeitende an. „Viele
Colditzer lebten in einfachsten Verhältnissen, hatten weder Heizung noch Toilette im Haus“, sagt Bendereit. 1993 wurde die Sozialstation Teil des neu gegründeten Kreisverbandes Mulde-Collm e.V.

Die Arbeit der Mitarbeitenden unterschied sich grundlegend von jener, die
die Sozialstation heute leistet. Die Arbeit begann morgens mit einer Feuerrunde. Die Kohleeimer mussten geschleppt und Öfen geheizt werden. Die Notdurft wurde entsorgt. Zivildienstleistende waren dabei eine große Hilfe. „Die Pflegebedürftigen hatten andere Bedürfnisse und Sorgen. Viele Angehörige lebten mit im Haus und die meisten alten Leute waren es nicht gewöhnt, dass Fremde kamen und ihnen helfen wollten“, erinnert sie sich. Mit dem Trabi, dem Moped oder zu Fuß waren die Schwestern und Pfleger unterwegs, verteilten so auch die bestellten Mittagessen. „Es war eine aufregende Zeit. Anträge für Witwenrente oder ähnliches mussten wir schreiben. Die alten Mütterchen mussten teils mit Bildern Nachweise bringen, dass ihre Männer gelebt haben und im Krieg verschollen sind.“ Als 1995 die Pflegeversicherung in Kraft trat, wurde der bürokratische  Aufwand für die AWO Sozialstation größer. Alles wurde strenger kontrolliert. Es gab mehr Aufgaben und Dokumentation.

In der Töpfergasse in Colditz hat alles begonnen. „Da saß ich mit der Volkssolidarität an einem Tisch. Wir haben uns sogar das Telefon geteilt“,
betont Frau Bendereit. Später zog das AWO-Team in die Räume der Kita
„Zwergenland“, denn es wurden weniger Kinder geboren. „Hier waren wir schon etwa 20 Leute. Als 1999 wieder mehr Kinder zur Welt kamen, mussten wir raus und zogen an den heutigen Standort. Allerdings sah es damals noch anders aus und wir hatten andere Nachbarn“, sagt die ehemalige Leiterin. In Erinnerung geblieben sind vor allem die Hochwasser 2002 und 2013, als die Herausforderungen des Ereignisses und die Solidarität die Mitarbeitenden noch enger zusammengeschweißt haben. „Viele Mitarbeiter waren selbst betroffen. Außerdem mussten wir auf beiden Seiten der Mulde unsere Patienten versorgen. Das war logistisch ein großer Aufwand“, erinnert sie sich. Wenn das erledigt war, kümmerten sie sich um die vielen Sachspenden, die sortiert werden mussten. „Wir sind an unsere Grenzen gegangen. Viele ältere Leute saßen vor ihren Häusern und
weinten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von damals ist immer noch da“, sagt sie.

Die Sozialstation in Colditz beschäftigt derzeit 43 Mitarbeitende und betreut mehr als 150 Patienten in und um der Muldestadt. Derzeit lassen sich wieder zwei Frauen in der ambulanten Pflege in Colditz ausbilden. Auch wenn viele junge Kollegen dazugekommen sind und Verantwortung übernommen haben, so zählt man bei der Arbeiterwohlfahrt immer auch auf die Erfahrenen. Bendereit: “Wir haben uns etabliert und fühlen uns mit unserer Arbeit wohl.“




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